Value Traps: Vorsicht vor Renditefallen

Text: Alessandro Sgro, Chief Investment Officer Cronberg AG
Eine hohe Dividendenrendite wirkt oft wie ein verlockendes Schnäppchen: stabile Erträge, attraktive Bewertungen und die Chance auf ein passives Einkommen. Doch diese Strategie birgt Risiken. Manchmal entpuppt sich die vermeintliche Sicherheit als trügerisch - Anleger laufen Gefahr, in eine sogenannte «Value-Trap» (Wertfalle) zu geraten.
Eine Value Trap entsteht, wenn eine Aktie günstig erscheint, etwa durch ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder eine hohe Dividendenrendite, in Wirklichkeit aber Probleme hinter der Fassade lauern. Unternehmen, die hohe Dividenden zahlen, können in finanziellen Schwierigkeiten stecken und versuchen, mit attraktiven Ausschüttungen Investoren zu halten. Doch die Hoffnung auf eine schnelle Erholung erweist sich oft trügerisch - der Kurs fällt weiter, und die Dividende wird gekürzt oder ganz gestrichen.
Die Verlockung solcher Aktien wird zusätzlich durch psychologische Verzerrungen verstärkt, wie etwa dem Ankereffekt. Anleger orientieren sich oft an früheren Höchstkursen und interpretieren den aktuellen, niedrigeren Preis als Kaufgelegenheit. Doch das ist ein Trugschluss: Der frühere Kurs sagt nichts über den tatsächlichen Wert einer Aktie aus.
Ein prominentes Beispiel: General Electric
Ein Lehrstück für Value Traps liefert General Electric. Der Industriekonzern war lange Zeit für seine solide Dividendenpolitik bekannt. Investoren lockte die hohe Dividendenrendite, die in den Jahren 2010 bis und mit 2018 im Schnitt bei etwa 3.3% oder mehr lag. Gerade konservative Anleger sahen darin eine Chance, stabile Erträge zu erzielen. Doch im Jahr 2018 wurde deutlich, dass die Herausforderungen für den diversifizierten Industriekonzern grösser wurden.
Dazu trugen insbesondere folgende Faktoren bei:
- Hohe Verschuldung & Liquiditätsprobleme: Grosse Schuldenlast durch frühere Übernahmen und ein schwacher Cashflow machten die Dividendenzahlung unhaltbar
- Krise in der Energiesparte (GE Power): Fehlinvestition in Alstom; die sinkende Nachfrage nach Gasturbinen und eine 22 Mrd. USD Goodwill-Abschreibung belasteten die Finanzen
- Schwache Cashflow-Generierung: Operativer Cashflow reichte nicht aus, um Schulden, Restrukturierungen und Dividenden gleichzeitig zu finanzieren
- Management-Fehlentscheidungen & GE Capital-Krise: Strategische Fehlentscheidungen, CEO-Wechsel und unerwartete Verbindlichkeiten in der Finanzsparte verschärften die Lage
Diese Entwicklungen setzten die Profitabilität von General Electric stark unter Druck. In der Folge musste das Unternehmen seine jährliche Dividende von etwa 1,9 USD auf 0,08 USD kürzen, wodurch die Dividendenrendite von ca. 7% auf nur noch 0,35 % fiel. Die drastische Kürzung liess den Aktienkurs einbrechen. Was konservativen Anlegern zunächst als stabiles Investment erschien, wurde zur finanziellen Falle. Das Beispiel von General Electric zeigt eindrücklich, dass hohe Dividendenrenditen allein kein Qualitätsmerkmal sind.
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Augen auf die Qualität des Unternehmens
Dividenden können ein wichtiger Bestandteil einer Anlagestrategie sein – sollten aber niemals das einzige Auswahlkriterium sein. Wer langfristig erfolgreich investieren möchte, sollte stets das Gesamtbild betrachten: Geschäftsmodell, Fundamentaldaten, Wachstumsperspektiven und die finanzielle Stabilität und Ertragsstärke eines Unternehmens sind entscheidend.
Denn in der Börsenwelt gilt: Was günstig aussieht, ist nicht immer ein gutes Investment. Der wahre Wert steckt in der Qualität des Unternehmens, nicht in der Höhe der Dividenden.