US-Zölle treffen Ostschweizer Exportwirtschaft hart

Text: PD/stz.
Die US-Regierung hatte am 3. April 2025 einen neuen Basiszollsatz von 10 Prozent auf sämtliche Einfuhren ab dem 5. April angekündigt. Überdies sollen sogenannte «reziproke» Zölle für Länder mit besonders hohem Handelsbilanzüberschuss gelten. Im Fall der Schweiz bedeutet dies einen Aufschlag von insgesamt 31 Prozent. Zur Berechnung teilt die US-Regierung das bilaterale Handelsdefizit durch das Exportvolumen des jeweiligen Landes, halbiert das Ergebnis und erhebt diesen Satz als Zoll.
Von den neuen Zöllen ausgenommen sind vorerst Exporte von Stahl und Aluminium (die bereits mit 25 Prozent belegt sind) sowie Pharmaprodukte. Zusätlich werden Exporte von Autos und Automobilteilen separat mit 25 Prozent verzollt. Auch Produkte aus der EU sind betroffen – ab dem 9. April mit einem Satz von 20 Prozent.
Die Industrie- und Handelskammern sehen darin eine gefährliche Entwicklung: «Die neuen Zölle betreffen nicht nur einzelne Branchen, sondern entfalten eine Wirkung entlang ganzer Lieferketten – sowohl direkt bei Exporten in die USA als auch indirekt über den Handel mit der ebenfalls betroffenen EU», sagt IHK-St.Gallen-Appenzell-Chefökonom Jan Riss.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind gross: Allein in die USA exportierten Ostschweizer Unternehmen 2023 Waren im Wert von über 2,3 Milliarden Franken. Im Kanton Thurgau belief sich das Exportvolumen auf 262 Millionen Franken, wovon mehr als die Hälfte auf die Maschinen- und Metallindustrie entfiel. Diese Branchen gehören zu den am stärksten betroffenen. Besonders unter Druck geraten Unternehmen ohne eigene Produktionsstätte oder Tochtergesellschaft in den USA.
Remo Wild, Leiter Export der IHK St.Gallen-Appenzell, macht deutlich: «Wirtschaftliche Unsicherheit ist immer auch investitionshemmend. Viele exportorientierte KMU müssen jetzt ihre Preisstrategien und Lieferkonditionen überdenken und sich vertieft mit zolltechnischen Klassifikationen und Incoterms auseinandersetzen.»
Zurückhaltung statt Konfrontation
Hinzu kommt: Die Schweiz weist zwar einen Handelsbilanzüberschuss im Warenbereich gegenüber den USA auf. Im Dienstleistungsbereich (z. B. Software- und Streaminglizenzen oder F&E-Ausgaben) herrscht hingegen annähernd Gleichgewicht. «Dass diese Realitäten sowie die jüngst vollzogene einseitige Abschaffung der Industriezölle durch die Schweiz von der US-Administration ignoriert werden, ist nicht nachvollziehbar», sagt IHK-St.Gallen-Appenzell-Direktor Markus Bänziger. «Schweizer Unternehmen schaffen in den USA rund eine halbe Million hochwertige Arbeitsplätze – mit einem Durchschnittseinkommen von 131’000 Dollar. Das wird hier ausser Acht gelassen.»
Auch Jérôme Müggler, Direktor der IHK Thurgau, weist auf Sekundäreffekte hin: «Zwei Drittel aller Thurgauer Exporte fliessen in die EU. Sollten auch hier weitere Zölle greifen, wird sich die Kostenlast entlang der Lieferketten zusätzlich verschärfen.» Die IHK Thurgau erwartet, dass sich die Schweizer Handelsdiplomatie gegenüber den USA rasch und dezidiert für eine Entschärfung der Situation einsetzt.
«Die Eskalation eines Handelskonflikts gilt es nach aller Möglichkeit zu vermeiden, denn eine solche hätte in wirtschaftlich ohnehin anspruchsvollen Zeiten unter anderem grössere wirtschaftliche Verwerfungen, massive Fehlallokationen und einen Investitionsrückgang zur Folge.» Müggler ist überzeugt, dass die Schweiz gut daran tue, den rechtssicheren Weg zu ihrer wichtigsten Handelspartnerin EU mit den Bilateralen III auch für die Zukunft zu sichern und weiterhin auf Freihandelsabkommen mit wichtigen Handelspartnern zu setzen.
Beide Kammern begrüssen deshalb die diplomatische Zurückhaltung des Bundesrats. Die IHK Thurgau und die IHK St.Gallen-Appenzell sprechen sich klar gegen konfrontative Gegenmassnahmen aus. Vielmehr brauche es strategische Gegensteuerung – etwa durch die Ratifizierung bestehender Handelsabkommen (z. B. mit Indien), eine Wiederaufnahme der Mercosur-Gespräche und mittelfristig ein sektorielles Freihandelsabkommen mit den USA.
Die Schweiz sei ein rohstoffarmer, kleiner Markt, der auf offene, multilaterale Handelsbeziehungen angewiesen sei. Die Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen zur EU – dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt für Ostschweizer Unternehmen – müsse oberste Priorität haben.
Beide Kammern unterstützen betroffene Unternehmen mit Auskünften, Orientierungen und Seminaren.