Die IHK hat dem Thurgau einen Innovationschub beschert

Text: Philipp Landmark
Jérôme Müggler, der Titel dieses LEADER-Schwerpunkts heisst «Thurgau im Aufbruch». Korrekt?
Ich würde diese These mit Vorsicht geniessen. Es gibt durchaus Themen, bei denen der Kanton im Aufbruch ist. Gleichzeitig gibt es auch Rahmenbedingungen oder gesellschaftlich-politische Themen, bei denen ich den Aufbruch nicht erkenne.
Lassen Sie uns die negativen Beispiele rasch abarbeiten.
Es ist kein Geheimnis, dass die Kantonsfinanzen momentan eine grosse Herausforderung darstellen. Wenn keine Gelder der Nationalbank und keine Beiträge aus dem Finanzausgleich fliessen, dann hat der Thurgau ein strukturelles Defizit. Der Regierungsrat möchte jetzt den Steuerfuss hochsetzen.
Von einem Wirtschaftsverband gibt es dafür keinen Applaus.
Das ist aus Sicht der IHK tatsächlich nicht die Massnahme, die unsere Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Wir sollten uns zuerst fragen, ob wir das strukturelle Defizit irgendwie wegbringen und ob die Regierung eine Ausgaben-Verzichtsplanung machen kann. Bevor man Steuern erhöht, sollte eine Leistungsüberprüfung gemacht werden. Wir glauben, dass es Sparpotenzial gibt. Unser Anspruch müsste sein, dass wir auch ohne Bonus der Nationalbank fit sind.
Wird der Thurgau zur Steuerhölle?
Nein, soweit sind wir nicht. Der Thurgau ist zwar nicht supergünstig, hat bei der Steuerbelastung aber bisher immer im vorderen Drittel mitgespielt, das ist in Ordnung. Doch den Steuerfuss zu erhöhen, ist für Firmen oder für Zuzüger kein attraktives Signal.
Zu wenig Zuzüger hat der Kanton Thurgau aber nicht.
Schweizweit ist der Thurgau einer jener Kantone mit dem stärksten Bevölkerungswachstum. Offenbar ist doch einiges attraktiv hier. Als Folge nimmt auch das Steuersubstrat zu, das ist positiv. Demnach kommen Leute, die ein Einkommen erzielen. Die Folgefrage wäre: Können die Leute auch hier arbeiten und Wertschöpfung erzielen, oder pendeln sie nach Zürich und St.Gallen?
Abgesehen von den Finanzen: Wo vermissen Sie sonst den Aufbruch?
In der Thurgauer Politik. Ich spüre in der Regierung und im Parlament immer wieder Hemmungen, wirklich innovativ zu sein, etwas anders zu machen. Häufig sind wir beim Verwalten und nicht beim Gestalten. Gerade im Thurgau hat es viele konservative, traditionelle Kräfte im Parlament. Diese Leute möchten Bewährtes behalten. Alles, was in Richtung Investition, ausprobieren, etwas wagen, gar Risiko nehmen geht, ist nicht in ihrer DNA.
Das wollen Sie ändern?
Ich wünsche mir manchmal mehr Mut, denn die Chancen sind da. Um eine Region spannend zu machen, um vorwärtszukommen, braucht es bisweilen jemanden mit einer coolen Idee, die Unterstützung findet.
Den Erlös des Börsengangs der Thurgauer Kantonalbank für aussergewöhnliche Projekte einzusetzen, war doch eine coole Idee?
Das ist natürlich ein aussergewöhnlich schöner Sonderfall, dass dem Kanton 127 Millionen Franken zufallen, die man nun tatsächlich für 20 tolle Projekte einsetzen kann. Im Wettbewerb um diese Gelder wurden sehr unterschiedliche Ideen eingebracht, Ideen, bei denen oft etwas grösser gedacht wurde, als es im Thurgau üblich ist, das gefiel mir. Wenn jetzt drei Viertel der ausgewählten Projekte zum Fliegen kommen, ist das gut, sehr gut sogar. Wenn solche Projekte funktionieren, kann das auch inspirierend wirken.
Es sind solch tolle Projekte, die das Bild eines Kantons im Aufbruch vermitteln. Aber auch der Versuch des Kantons Thurgau, das Projekt Wil West zu retten.
Ein spannendes Projekt, das vom St.Galler Stimmvolk im ersten Anlauf versenkt wurde. Das Land liegt auf Thurgauer Boden, gehört aber dem Kanton St.Gallen. Nun will der Kanton Thurgau das Areal übernehmen, um es zu entwickeln. Das ist ein deutliches Statement, hier blickt man klar vorwärts. Es war nach dem St.Galler Nein nicht selbstverständlich, dass das Projekt im guten Sinne übernommen und weitergeführt werden kann. Das ist für mich ein ausgezeichnetes Signal. Voraussetzung ist, dass die St.Galler das Land tatsächlich verkaufen.
Das Konzept von Wil West überzeugt Sie nach wie vor?
Es bietet sich geradezu an, dass auf dieser Fläche neben der Autobahn etwas Spannendes entstehen kann. Wil ist sowohl für den Südthurgau als auch für St.Gallen ein relevantes Wirtschaftszentrum. Die umliegenden Thurgauer Gemeinden haben ihre Ortsplanungen angepasst. Es ist sinnvoll, Gewerbeflächen an einem Ort zusammenzuführen und nicht alles zu verzetteln. Es muss das Ziel sein, auf dem Areal hochwertige Arbeitsplätze anzusiedeln, die tatsächlich eine gute Wertschöpfung generieren.
In St.Gallen wurde ein Geothermie-Projekt abgebrochen, weil seismische Aktivitäten ausgelöst wurden. Der Thurgau nimmt auch diesen Faden wieder auf.
Ich verstehe technisch zu wenig von Geothermie, um das Projekt zu beurteilen. Dass Leute an eine grosse Idee glauben und etwas wagen wollen, gefällt mir aber.
Gefallen dürfte Ihnen auch, dass ein von der IHK lanciertes Projekt nun konkrete Formen annimmt: der Digital & Innovation Campus Thurgau.
Die IHK Thurgau hat schon vor meiner Zeit als Direktor analysiert, welche Rahmenbedingungen den Kanton für Arbeitnehmer, für Innovationen, für Start-ups, aber auch für bestehende Unternehmen attraktiv machen. Dazu wurden auch Beispiele ausserhalb des Kantons angeschaut. Eine wesentliche Feststellung war: Im Kanton fehlt ein Innovationshub, ein zentraler Ort, an dem all diese Themen bearbeitet werden können. Ein solches innovatives Umfeld hat eigentlich immer Verbindungen zu Hochschulen – die es im Thurgau nicht gibt.
Auch interessant
«Bevor man Steuern erhöht sollte eine Leistungsüberprüfung gemacht werden.»
Also haben sie bei den Nachbarn angeklopft.
Zürich fährt bei den Hochschulen eine kantonale Strategie. Die sind interessiert daran, dass die Leute zu ihnen kommen. Mit St.Gallen gab und gibt es Gespräche, um gewisse Hochschul-Elemente in den Thurgau zu bringen, gerade die OST – Ostschweizer Fachhochschule zeigt sich da interessiert. In diesen Tagen wird das Institut für Intelligente Systeme und Smart Farming am Agroscope-Standort Tänikon eröffnet. Das ist ein spannender Schritt – und es ist ein sehr positives Signal, dass die OST, bei der der Thurgau ein Mitträger ist, einen ersten Standort im Thurgau bekommt.
Der bildungspolitisch wichtigste Nachbar liegt aber hinter der Landesgrenze.
Er liegt auch am nächsten. Wir haben in Kreuzlingen, wo die Pädagogische Hochschule Thurgau angesiedelt ist, vor der Haustüre einen Hochschulstandort. Mit diesem gibt es seit Längerem erfolgreiche Kollaborationen. Wir haben mittlerweile vier Hochschulinstitute auf Thurgauer Boden, die an den Konstanzer Hochschulen, der Uni Konstanz oder der HTGW, angehängt sind. Das Modell mit den angehängten Instituten funktioniert und ist etabliert. Die Thurgauer Stiftung für Wissenschaft und Forschung, die Trägerin der Institute, feiert dieses Jahr ihr 25. Jubiläum.
Was ist die Motivation der Konstanzer Hochschulen, hier Hand zu bieten?
Das darf man offen ansprechen: Letzten Endes spielt das Geld eine wichtige Rolle. Wir Thurgauer schaffen Möglichkeiten, die es sonst nicht gäbe. Die beiden Konstanzer Hochschulen sind ambitioniert und sehr interessiert daran, ihre Forschung und ihre Strahlkraft auszubauen, gerade auch auf dem Platz Thurgau, wo man sich schon kennt. Wenn die Hochschulen gute Institute haben, die gute Projekte abwickeln können und in denen sich gute Forschungspaper schreiben lassen, dann ist das etwas, das wiederum auf ihr Renommee einzahlt. Aber wenn es der Thurgau nicht finanzieren würde, dann gäbe es die bisherigen und das neue Thurgauer Institut für digitale Transformation, das TIDIT, in dieser Form wohl nicht, da muss man ehrlich sein.
«Offenbar ist doch einiges attraktiv hier.»
Ohne den langen Atem der IHK gäbe es den künftigen Innovationshub auch nicht.
Das stimmt. Wenn es die IHK nicht gäbe, gäbe es das Projekt Digital & Innovation Campus nicht. Das wurde in den vergangenen vier Jahren von der IHK auf die Beine gestellt, wir waren der Treiber dahinter, es wurde auch von uns teilfinanziert, ich bin bis zur Anstellung von Campus-Personal Projektleiter.
Für das TIDIT im Campus greifen Sie wieder auf das bewährte Modell An-Institut zurück.
Wir haben überlegt, wie ein Innovationshub gestaltet werden müsste. Und so kam der Wunsch auf, ein Institut zu gründen, das Themen wie Digitalisierung und Innovation vorantreibt. Also haben wir uns mit dem Thurgauer Amt für Mittel- und Hochschulen und beiden Konstanzer Hochschulen zusammengesetzt und Ideen entwickelt. Es kristallisierten sich zwei lohnende Forschungsthemen heraus: Datenverwaltung und Datenanalyse.
Das skizzierte Institut ist aber nur ein Teil des Campus.
Gleichzeitig mit der Entwicklung des Instituts begannen wir auch, einen Innovationshub zu planen. Dabei fragten wir uns, was ein solcher im Kanton braucht – und auch, wie wir uns von ähnlichen Initiativen abgrenzen. In St.Gallen gibt es inzwischen den Switzerland Innovation Park Ost, bei dem sowohl der Kanton Thurgau als auch die IHK Thurgau als Aktionäre mit an Bord sind.
«Ich wünsche mir manch-mal mehr Mut, denn die Chancen sind da.»
Und was braucht ein Thurgauer Innovationshub?
Es wird fünf Schwerpunkte geben, die den Digital & Innovation Campus Thurgau ausmachen. Die angewandte Forschung mit dem Hochschulinstitut, einem Hub mit Innovationsberatung sowie dem Thurgauer Startnetzwerk, einen Bildungsteil mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau, die heute eigenständig ein Digital Learning Lab und einen Makerspace betreibt, einen Bereich mit Technologiepartnern, und einen Bereich Netzwerk: Wir möchten den Campus mindestens in der Ostschweizer Innovationsstruktur sinnvoll platzieren. Dazu haben mit dem Switzerland Innovation Park Ost und anderen potenziellen Partnern schon Gespräche stattgefunden. Der Campus wird eine interessante Location an prominenter Lage, es wird dort auch Arbeitsplätze und unterschiedliche Veranstaltungen geben.
Neben Inhalten braucht der Hub auch Geld. Der Wettbewerb über die TKB-Millionen kam Ihnen da gelegen.
Wir stiegen ins Rennen ein, um eine Anschubfinanzierung zu bekommen. 2023 hat das Thurgauer Volk zu den ausgewählten 20 Projekten mit gut 72 Prozent Ja deutlich zugestimmt.
Die IHK bekommt aus dem Topf 20 Millionen Franken.
Das Geld ist für den Digital & Innovation Campus als Gesamtprojekt. Der Campus wird von einer Stiftung getragen, die von der IHK eingesetzt und auch mit einem Gründungskapital ausgestattet wird. Diese Stiftung bekommt dann auch das Geld vom Kanton. Uns ist wichtig, dass diese Stiftung unabhängig und eigenständig ist und dass sie einen klaren Zweck verfolgt wird – nicht, dass in fünf Jahren plötzlich etwas anderes daraus gemacht wird.
Auch interessant
«Letzten Endes spielt das Geld eine wichtige Rolle. Wir Thurgauer schaffen Möglichkeiten, die es sonst nicht gäbe.»
Ist die IHK auch Träger des Instituts?
Nein, das TIDIT ist der Thurgauer Stiftung für Wissenschaft und Forschung angeschlossen – da sind auch schon die drei bisherigen An-Institute angehängt. Die beiden Stiftungen werden einen Leistungsauftrag miteinander abschliessen, das Geld fliesst dann einerseits in den Campus und andererseits ans Institut.
Der Umstand, dass es im Thurgau keine Hochschule gibt, führt zu einem oft beklagten Brain-Drain. Können Sie da Gegensteuer geben?
Kluge Thurgauer Köpfe müssen fürs Studium zwangsläufig den Kanton verlassen. Wir haben rund um den Thurgau hervorragende Hochschulen, in St.Gallen die OST und die HSG, die beide wachsen, in Winterthur die ZHAW, in Zürich die ETH, die Universität und die ZHAW, in Konstanz die HTWG und Uni Konstanz. Alle diese Hochschulen sind in kurzer Zeit aus dem Thurgau erreichbar. Wir haben einen Brain-Drain, weil junge Leute schnell dort Fuss fassen, wo sie studiert haben. Als junger Mensch schätzt man auch ein spannendes, urbanes, kulturell vielseitiges Umfeld – der Thurgau hat andere Qualitäten. Der Thurgau muss die Karten spielen, die er hat. Das bedeutet auch, die Hochschulen vor der Haustüre gut für den Kanton zu nutzen. Dadurch können im Kanton tolle Arbeitsplätze entstehen. Es wird aber auch künftig attraktiv bleiben, im Thurgau zu wohnen und in Zürich zu arbeiten.
Welche Karten kann der Thurgau spielen?
Wir haben nicht die Kraft, um ganz allein «Make Thurgau Great Again» zu skandieren. Wir haben keinen Ort mit Zentrumscharakter, wir haben keine Hochschulen, wir sind ein dezentraler Kanton mit verschiedenen funktionalen Räumen. Also profitieren wir davon, wenn wir uns optimal an der Umgebung andocken. Die Ostschweizer Regierungen tauschen sich aus, um Anknüpfungspunkte zu finden, wo man noch stärker miteinander zusammenarbeiten könnte. Ich bin guter Dinge, dass dies eine gute Basis für einen erfolgreichen Thurgau in der Ostschweiz wird.