Gesundheit am Arbeitsplatz

Deutlicher Anstieg von psychischen Erkrankungen

Deutlicher Anstieg von psychischen Erkrankungen
Annette Nitsche
Lesezeit: 9 Minuten

Für immer mehr Ostschweizer Unternehmen ist betriebliches Gesundheitsmanagement, kurz BGM, nicht einfach eine Nice-to-have-Übung, sondern eine lohnende Investition in die Mitarbeiter.

Das Thema Gesundheitsförderung boomt in der Schweiz, was auch am veränderten Arbeitsmarkt liegt. «Wir haben Arbeitskräftemangel, die Unternehmen finden kaum noch qualifizierte Leute und sie sind darauf angewiesen, ihre guten Mitarbeiter zu behalten», sagt Annette Nitsche, Geschäftsführerin des Forum BGM Ostschweiz. Die Arbeitgeber sehen sich harter Konkurrenz ausgesetzt, weshalb sie heute auch beim Thema Gesundheitsförderung wesentlich aktiver werden. «Die Betriebe erhoffen sich durch BGM auch einen Imagegewinn und damit bessere Voraussetzungen bei der Rekrutierung von neuen Mitarbeitern.»

Bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz wird betriebliches Gesundheitsmanagement als «systematische Optimierung relevanter Faktoren für die Gesundheit im Betrieb» umschrieben. Die Stiftung hat einen gesetzlichen Auftrag, die Gesundheit in der ganzen Schweiz zu fördern; sie wird über die Krankenkassenprämien alimentiert.

Das betriebliche Gesundheitsmanagement soll durch Anpassung von Strukturen und Prozessen im Unternehmen günstige Bedingungen für die Gesundheit der Mitarbeiter schaffen. «BGM erfordert die Beteiligung aller Personengruppen im Unternehmen, ist in dessen Management integriert und kommt in seiner Kultur zum Ausdruck», hält die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz fest. Doch das dafür notwendige Know-how haben die wenigsten Unternehmen im eigenen Haus, gerade KMU fehlen die Ressourcen dafür.

Dennoch wird bei vielen Ostschweizer Unternehmen die betriebliche Gesundheitsförderung inzwischen grossgeschrieben.

«Führungsleute sind in der Regel unsicher, wie sie ein Gespräch mit einer Burnout-gefährdeten Person führen sollen.»

Ostschweizer Lösung macht Schule

Vor 20 Jahren sah das noch anders aus. Der Kanton St.Gallen hatte bereits eine Fachstelle für betriebliche Gesundheitsförderung, doch wenn deren Leiterin Annette Nitsche zu Firmen ging, um über die Förderung der Gesundheit der Mitarbeiter zu sprechen, gab man ihr höflich zu verstehen, dass das Unternehmen andere Sorgen habe. «Das Thema war damals noch nicht im Fokus», erinnert sich Annette Nitsche. «Jemand vom Gesundheitsdepartement wurde nicht ernst genommen.»

Es benötigte einen anderen Ansatz, um das Thema be-triebliche Gesundheitsförderung voranzutreiben. «Wir mussten ein Unterstützungsinstrument entwickeln, das die Betriebe ernst nehmen können. Das können sie dann, wenn die selbst involviert sind.» 2007 wurde deshalb zusammen mit Akteu-ren aus der Wirtschaft der Verein Forum BGM Ostschweiz gegründet, seither sind Vertreter aus grossen und kleinen Betrieben dabei, aber auch Arbeitgeberorganisationen und Gewerkschaften. Auch der Kanton St.Gallen ist ein Gründungsmitglied, mit der Zeit stiessen die anderen Ostschweizer Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Thurgau sowie das Fürstentum Liechtenstein dazu, zuletzt schloss sich 2024 Schaffhausen dem Forum BGM Ostschweiz an.

Das Ostschweizer Modell entwickelte sich seit der Gründung so erfolgreich, dass dieses Konstrukt auch in anderen Landesteilen kopiert wurde. So gibt es heute auch BGM Foren in Aargau, Bern-Solothurn, Basel, Zürich, in der Romandie und im Tessin, weitere sind in Gründung.

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Augenmerk auf psychische Gesundheit

Die Kantone finanzieren ungefähr ein Drittel der Kosten des Forums BGM. Ein weiteres Drittel steuern Betriebe bei, die selbst Mitglieder des Forums BGM Ostschweiz werden können und dadurch von Zusatzleistungen profitieren. Mitglieder haben etwa Anspruch auf eine kostenlose Beratung, wie sie die Gesundheitsförderung für ihre Mitarbeiter organisieren können. Den Rest berappt hauptsächlich die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, die wie die Ärztegesellschaft des Kantons St.Gallen oder die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt Suva Partner des Forum BGM Ostschweiz ist.

Die Geschäftsstelle des Vereins wird im Auftragsverhältnis vom St.Galler Amt für Gesundheitsvorsorge geführt und ist mit zwei Personen à 45 Stellenprozenten dotiert. Annette Nitsche und ihre für administrative Belange zuständige Kollegin Tsering Gähler sind Ansprechpartnerinnen für alle Be-triebe im Einzugsgebiet mit thematisch breit gefächerten Anfragen:

«Alles, was wir wissen, geben wir gerne weiter, oder wir vermitteln Fachpersonen für spezifische Anliegen», sagt Annette Nitsche. Überdies organisiert die Geschäftsstelle Fortbildungsveranstaltungen und Fachtagungen zur Förderung von Gesundheit am Arbeitsplatz, vernetzt Betriebe für einen Erfahrungsaustausch und stellt aktuelle Informationen auf seiner Website bereit.

«Wenn man eine Krise früh erkennt und behandelt, muss sich das nicht in einer psychischen Erkrankung manifestieren».

Weit mehr als Unfallverhütung

Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit sind gesetzlich ge-regelt. Der Schwerpunkt liegt beim Schutz der physischen und psychischen Gesundheit der Arbeitnehmer sowie bei der Vermeidung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten. Die Arbeitssicherheit fokussiert sich auf die Verhütung von Berufsunfällen und Berufskrankheiten, der Gesundheitsschutz auf die umfassende Verhütung von gesundheitlichen Schäden durch die Arbeitstätigkeit. Im Gegensatz zur betrieblichen Gesundheitsförderung sind Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz rechtlich bindend.

Wenn ein Betrieb das Forum BGM Ostschweiz kontaktiert und die Gesundheit der Belegschaft fördern möchte, «dann möchte er über die gesetzlichen Regelungen hinaus, Massnahmen zur Förderung und zum Erhalt der Gesundheit seiner Mitarbeiter treffen», erklärt Annette Nitsche. Die be-triebliche Gesundheitsförderung zielt auf eine Verringerung von Belastungen und auf eine Stärkung von Ressourcen durch Verhaltensmassnahmen und die Optimierung der Verhältnisse am Arbeitsplatz oder in der Organisation. «Diejenigen Betriebe, die einen Effort in der Gesundheitsförderung leisten, sind denn auch selten die problematischen Betriebe.»

Heute steht die psychische Gesundheit ganz oben auf der Agenda. «Wenn man schaut, wieso die Menschen heute bei der Invalidenversicherung vorstellig werden, dann sind es nicht mehr mehrheitlich diejenigen, die eine Berufskrankheit haben oder einen folgenschweren Berufsunfall erlitten», sagt Annette Nitsche. «Mehr als 50 Prozent kommen heute aus psychischen Gründen, und diese Kurve steigt an. Wenn wir nur die jungen Erwerbstätigen anschauen, steigt sie noch steiler an.» Das Forum BGM Ostschweiz erhält überproportional viele Anfragen zum Thema psychische Gesundheit.

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Hektik und Unsicherheit machen krank

Auf die Frage, warum deutlich mehr psychische Erkrankungen registriert werden, möchte sich Annette Nitsche nicht auf die Äste hinauslassen. «Die einfache Antwort wäre wohl: Weil sich unsere Arbeitswelt noch einmal sehr frappant verändert.» Die Digitalisierung, die Künstliche Intelligenz, die Unsicherheit der Märkte oder Kriege seien spezielle Herausforderungen nicht nur für die Betriebe, «auch die Mitarbeiter sind dadurch sehr gefordert.» Unsicherheit ist ein Faktor, der psychische Erkrankungen begünstigen kann, «aber auch Stress: Wenn Vorgesetzte nicht mehr sorgfältig führen, können sie weder Unsicherheiten auffangen, noch hektische Situationen abmildern.»

Neben der Veränderung der Arbeitswelt rühren die steigenden Zahlen wohl auch daher, dass die heutige Gesellschaft bei dem Thema sensibilisierter ist. «Ein Burnout zu er-leiden ist heute gesellschaftlich akzeptierter und wird nicht mehr gleich tabuisiert wie früher.»

Für gesunde Mitarbeiter hat Annette Nitsche eine pragmatische Definition: «Psychisch gesund ist jemand, der aktiv am Leben teilhaben kann, Beziehungen pflegt, seinen Verpflichtungen nachkommen und sich in einem normalen Rahmen verhalten kann.» Freilich ist noch nicht jeder, der sich gerade etwas unwohl fühlt, bereits psychisch krank. Dafür, wie allfällige Beobachtungen von Führungskräften einzuordnen sind und wie sie darauf reagieren sollten, bietet das Forum BGM Ostschweiz zahlreiche Hilfsmittel an (siehe Box).

Veränderungen früh erkennen

Was Mitarbeiter am Feierabend tun, geht den Arbeitgeber grundsätzlich erst einmal nichts an, ebenso wenig, ob sich jemand gesund ernährt oder ausreichend bewegt – solange diese Person arbeitsfähig ist. «Das kommt eben auch auf die Funktion drauf an», erläutert Annette Nitsche. «Intervenieren kann der Arbeitgeber, wenn die Leistung nicht mehr stimmt oder wenn das Verhalten nicht mehr korrekt ist.» Bei diesen beiden Punkten nehme der Arbeitgeber am frühesten wahr, dass es eine Veränderung gibt: «Wenn jemand, der immer innovative Ideen einbrachte, plötzlich Dienst nach Vorschrift macht, dann hat sich etwas verändert. Auch, wenn eine Person, die sehr aktiv an sozialen Anlässen des Unternehmens teilnahm, sich nun völlig zurückzieht. Das können Früherkennungsmerkmale sein.»

Treten solche auffälligen Veränderungen auf, müsse eine Führungskraft das Gespräch mit dieser Person suchen. «Das kann in einem ersten Gespräch sehr informell sein, vielleicht klärt sich schon etwas», sagt Annette Nitsche. «Wenn es aber bei Veränderungen bleibt, die man nicht goutieren kann, dann braucht es ein offizielleres Folgegespräch.»

In einem solchen Gespräch sollen Vorgesetzte Hilfe an-bieten, aber auch Erwartungen formulieren. Unterstützung können externe Sozialberatungsstellen bieten, aber auch interne Stellen, wenn solche bei grösseren Unternehmen vorhanden sind. «Wichtig ist, ganz klar die Konsequenzen aufzeigen, wenn ein Mitarbeiter zu keiner Veränderung bereit ist», betont Annette Nitsche.

Darin liegt auch die Chance, dass sich Betroffene frühzeitig Unterstützung organisieren. Harte Schritte zu erwägen, müsse sich eine Führungskraft zutrauen: «In vielen Betrieben werden die besten Fachkräfte zu Teamleitern gemacht, das sind aber nicht unbedingt diejenigen Leute, die am meisten Sozialkompetenz haben, um Leute zu führen.» Sie plädiert dafür, bei der Besetzung von Führungsfunktionen nebst der fachlichen Qualifikation ganz besonders auch auf die menschlichen und sozialen Kompetenzen zu achten. «Das Vorgesetztenverhalten ist einer der grossen Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz.»

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«Das Vorgesetztenverhalten ist der wohl grösste Einflussfaktor auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz.»

Im Führungsverhalten erkennt Annette Nitsche immer wieder Defizite. Sie verweist auf die Forschung an der Schnittstelle Arbeit und psychische Erschöpfung des Psychologen Niklas Baer, der seit 2005 die Fachstelle für psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland leitet. «Führungskräfte haben in der Regel eine hohe Unsicherheit, wie sie ein Gespräch mit einer Burnout-gefährdeten Person führen sollen», sagt Annette Nitsche. Die Folge ist, dass die Vorgesetzten in den meisten Fällen zu spät aktiv werden – dann, wenn es nicht mehr anders geht.

Dass etwas nicht stimmt, merken die direkten Vorgesetzten sehr schnell, alle im Team wissen in der Regel, wo es ein Problem gibt, denn psychische Probleme zeigen sich oft im zwischenmenschlichen Kontakt, im Arbeitsverhalten oder in der Leistung. «Es gehört aber zur Verantwortung einer Firma, die Führungsleute aufzuklären, zu sensibilisieren und zu unterstützen, damit sie in solchen Situationen handlungsfähig sind», erklärt Annette Nitsche.

«Ein Vorgesetzter muss im Falle einer Erkrankung nicht wissen, welche Diagnose ein Mitarbeiter hat», betont Annette Nitsche, «aber der Vorgesetzte muss dafür sorgen, dass der Mitarbeiter zu professioneller Unterstützung kommt.»

Wie man mit Mitarbeitern in einer Krise umgeht, hat nicht nur mit Werten und Kultur in einem Betrieb zu tun. Da jede zweite Person einmal eine psychische Krise im Leben durchläuft, ist das auch eine ökonomische Frage. «Wenn man eine Krise früh erkennt und behandelt, dann muss sich das nicht in einer tiefen psychischen Erkrankung manifestieren», sagt Annette Nitsche. «Arbeitgeber müssen sich bewusst sein, wenn sie nicht frühzeitig auf die Anzeichen einer psychischen Erkrankung reagieren, riskieren sie nicht nur den Verlust des erkrankten Mitarbeiters, sondern belasten zudem seine Kollegen.»

Text: Philipp Landmark

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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